Transition possible

Finiens rerum (Ereignishorizont BI), 2019
Tempera on canvas, 170 x 140 cm

Finiens rerum (Ereignishorizont JII), 2019
Tempera on canvas, 170 x 140 cm

Finiens rerum (Ereignishorizont SIII), 2019
Tempera on canvas, 170 x 140 cm

For the artist interview about the series please see below/
Interview mit der Künstlerin siehe auf der Seite unten

Syn I, 2017
Tempera on canvas, 180 x 140 cm

Syn II, 2017
Tempera on canvas, 180 x 140 cm

Syn III, 2017
Tempera on canvas, 100 x 80 cm

Contortor III, 2019
Tempera on canvas, 140 x 180 cm

Contortor I, 2017
Tempera on canvas, 180 x 220 cm

Contortor II, 2017
Tempera on canvas, 180 x 220 cm

Illusion of a large blind spot, 2017
Tempera on canvas, 300 x 300 cm

Illusion of a small blind spot, 2017
Tempera on canvas, 300 x 300 cm

Paret, 2017
Tempera and oil on canvas, 160 x 160 cm
in four parts

Dom, 2017
Tempera and oil on canvas, 80 x 100 cm

Infra M II, 2017
Tempera on canvas, 30 x 30 cm

InfraM III, 2017
Tempera on canvas, 30 x 30 cm

Infra M I, 2017
Tempera on canvas, 30 x 30 cm

Acheron II, 2016
Ink, tempera, lacquer and oil on canvas, 170 x 200 cm

Acheron III, 2016
Ink, tempera and oil on canvas, 80 x 80 cm

Acheron I, 2016
Ink, tempera, lacquer and oil on canvas, 170 x 170 cm

Lethe I, 2016
Tempera on canvas, 150 x 110 cm

Lethe II, 2016
Tempera on canvas, 150 x 110 cm

Lethe III, 2016
Tempera on canvas, 140 x 180 cm

Murra, 2017
Tempera on canvas, 140 x 180 cm

No Illusion, 2017
Tempera on canvas, 30 x 30 cm

Interview: Transition possible

Franziska Storch: Transition possible lautet der Titel dieser Serie. Welche möglichen Übergänge verhandelst du? Wie bist du auf diesen Titel gekommen?
Tanja Hehmann: In meiner Serie „Passagen und Enklaven”, an der ich davor gearbeitet habe, habe ich mich mit offenen, zufällig entstehenden Strukturen und amorphen Formen auseinandersetzt, die im Malprozess entstanden und darin gewissermaßen festgefroren sind. Ihnen habe ich in einem weiteren Schritt Bedeutungen zugemessen, indem ich die Bildräume z.B. durch geometrische Figuren oder erfundene Architekturen weiter definiert habe.
Grenzen sind ein menschliches Grundbedürfnis: Wir haben unseren Körper, den wir in Kleidung hüllen, benötigen ein Dach über dem Kopf und weiteren Schutz. Doch setzen wir auch Grenzen, die Angst machen, einengen oder sogar schaden.
Daher habe ich mich in verschiedenen Zusammenhängen zunehmend gefragt, wie wir Übergänge gestalten: Wie können Menschen bestehende Grenzen überwinden? Wie wird Undenkbares immer wieder auf’s Neue möglich?
In Gesprächen mit den TeilchenphysikerInnen im Rahmen unseres Art-meets-Science-Projektes „Dark matter” am DESY (Deutsches Elektronen Synchrotron Hamburg) haben wir die Grenzen zwischen Kunst und Wissenschaft weiter aufzulösen gesucht. Dabei fand ich es faszinierend zu erfahren, dass selbst in der Grundlagenforschung die Intuition eine große Rolle spielt. Um den Schlüssel im Nebel zu finden, ist es immer wieder wichtig, anerkannte Denkstrukturen und auch emotionale Muster zu verlassen, um neue Wege zu beschreiten. Wie lassen sich also instinktive und intuitive Fähigkeiten verbessern, um etwas Neuem oder den ‘richtigen’ Entscheidungen auf die Spur zu kommen? Diese und andere Fragen interessierten mich in der Serie „transition possible”. Dies war meine Motivation dafür, auch die Grenzen in meinen Bildern zunehmend aufzulösen.

FS: Innerhalb der Serie tragen die einzelnen Gemälde auch individuelle Titel. Die scheinen für dich sehr wichtig zu sein und Konzepte deiner Malerei zu beschreiben.
TH: Meine Bilder beziehen sich in abstrahierter Weise auf das, was mich auf verschiedenen Ebenen berührt, sei es kognitiv oder emotional. Im Arbeitsprozess kommt es dann zu einer Verschmelzung der verschiedenen Bewusstseinsbereiche. Ich illustriere weder nur theoretische Erkenntnisse, noch stelle ich menschliche Gemütsbewegungen wie Trauer, Freude oder Wut unmittelbar dar. Dafür stehen auch die Arbeiten mit dem Titel „Syn”, was als Vorsilbe „zusammen, mit” bedeutet wie etwa in Syn-These. Die Titel für meine Gemälde finde ich meist erst hinterher oder sie tauchen aus meinen Recherchen wieder auf, denn während des Arbeitens notiere ich mir viel. Sie zielen meist eher ins Metaphorische und mit ihnen vollende ich eine Arbeit.

FS: Was verbirgt sich hinter dem lateinischen Titel „Finiens rerum“, zu Deutsch „Beenden der Sachen”? Alle drei Bilder sind spiegelsymmetrisch aufgebaut, inwiefern steckt da für dich das Ende drin?
TH: „Finiens rerum“ ist eine (alt-)lateinische Wortneuschöpfung für den „Ereignishorizont”. Dieser Begriff bezeichnet die Grenze des für uns Wahrnehmbaren im schwarzen Loch, in dem sich eine extrem große Masse auf kleinstes Volumen konzentriert. Wir wissen nicht, was sich jenseits dieser Grenze befindet, auch nicht durch das erste Foto eines schwarzen Loches bzw. seines Schattens, das 2019 um die Welt ging – aufgenommen mit dem Event Horizon Telescope (EHT). Diese Aufnahme wurde möglich, weil weltweit eine ganze Reihe Radioteleskope zusammengeschlossen worden war, die dann dieses eine Bild produziert haben – eine Sensation und dadurch hat sich die Grenze des Möglichen und Wahrnehmbaren ein gutes Stück verschoben. Im Lateinischen gab es den Begriff des Ereignishorizontes noch noch nicht, weil das Wissen um die Existenz schwarzer Löcher in der römischen Antike nicht vorhanden war. Vielleicht wird irgendwann aus dem bislang hypothetischen astronomischen Objekt eines weißen Lochs, das Masse nicht verschlingen, sondern ausstoßen soll, auch ein allgemein anerkannter Gegenstand gegenwärtiger Erkenntnis. Modelle haben häufig einen strengen formalen Aufbau, um komplexe Inhalte einfach darzustellen, was für die symmetrische Form in diesen drei Arbeiten ebenso verantwortlich ist wie die drei geometrischen Grundformen Kreis, Dreieck und Quadrat.

FS: Deine Bilder „Contortor” zeigen allesamt Farbbögen, als ob ein Scheibenwischer Farbe auf der Frontscheibe verwischt hätte. Der Titel „Contortor“ ist dem lateinischen „contortio” nahe, das Drehung oder Windung bedeutet. Was interessiert dich an Verdrehungen?
TH: Am DESY haben mich die historischen Driftkammern fasziniert. In diesen mit Gas gefüllten, im Querschnitt meist runden Detektoren sind Drähte gespannt, die die Spuren kleinster geladener Teilchen wie Elektronen und ihre Flugbahnen gemessen haben. In diesen Hochenergie-Experimenten der Teilchenphysik wollte man, kurz gesagt, zu neuen Erkenntnissen über die Grundbausteine der Materie gelangen. Das Forschungsinteresse richtete sich auch hierbei insbesondere auf die Abweichungen von der Norm.
Bei Contortor I und II habe ich den einfachen Versuch gestartet, das gleiche Bild mit einem zeitlichen Abstand von drei Monaten spiegelverkehrt nur aus der Erinnerung zu malen. Mit diesem Experiment bin glücklicherweise gescheitert.

FS: Die Titel „Illusion of a (small/large) blind spot” behaupten, dass der blinde Fleck nur eine Illusion sei, keine physiologische Gegebenheit im menschlichen Auge. Inwiefern ist der Moment der Illusion für dich wichtig?
TH: Im Auge sehen wir unseren Blinden Fleck nicht; das Gehirn schmückt diese Leerstelle eigenmächtig und ohne unser bewusstes Zutun aus. Die Welt, wie wir sie sehen, ist somit immer auch eine Illusorische. Unsere äußere und innere Wahrnehmung ist zentral für ihre Deutung. Sich diesen Aspekt in verschiedenen Situationen immer wieder mal bewusst zu machen, finde ich wichtig und relativiert vieles.
In meiner Malerei beschäftigte mich die Frage, was sich hinter dem verbirgt, was wir nicht „sehen” können, was sich unserem bisherigen Sensorium im Mikro- wie im Makrokosmos entzieht.

FS: In dieser Serie scheinst du eine Vorliebe für lateinische Titel zu haben. Was steckt hinter dem Titel „Paret“, was auf Deutsch „sie gebiert” bedeutet?
TH: … oder auch „Es zeigt sich”, hinter dem vierteiligen Werk mit diesem Titel steckt ein persönlicher Übersetzungsprozess. Eine Freisetzung von Energie. Als ich dieses Bild gemalt habe, war ich sehr wütend auf das, was wir Schicksal nennen, weil bei meinem Vater zuvor überraschend Lungenkrebs diagnostiziert worden war und ich ahnte, dass dieser unheilbar sein würde. Ohne meine intensive Auseinandersetzung mit dem Forschungsgegenstand der Dunklen Materie hätte diese Arbeit aber sicher eine ganz andere Form gefunden, da mich die kosmologischen Vorstellungen vom Urknall stark beeinflusst haben.

FS: Hat der Titel „Dom“ etwas mit der Architektur von Gotteshäusern oder etwas Sakralem zu tun?
TH: Ja, es geht um Ausdrucksformen von Transzendenz. In der Architektur z.B. von Kirchen spiegelt sich der Wunsch vieler Menschen wider, über ihr irdisches Dasein hinauszugehen.

FS: Die lateinische Vorsilbe infra kennt man aus der Physik vom Begriff Infrarot. Dabei geht es um den Bereich von Lichtwellen unterhalb von Rot, die nicht mehr sichtbar, aber als Wärme noch fühlbar sind. Deine Bilder „Infra M“ sind farblich alle stark von Magenta geprägt. Was bedeutet für dich: unterhalb von Magenta?
TH: Deine Deutung kommt meiner Idee sehr nahe. „Infra M“ leitet sich als Wortspiel von Marcel Duchamps geprägtem Begriff des „Inframince” ab. Dieser bezeichnet etwas einmal Dagewesenes, aber jetzt Abwesendes, von dem nur eine flüchtige Ahnung bleibt wie bspw. die Wärme auf der Sitzfläche eines Stuhles, auf dem soeben noch eine Person gesessen hat. Dieses physisch gerade nicht mehr Vorhandene zeigt sich zum Beispiel an den Auswaschungen von Farbe im Bild, den wieder abgenommenen Schichten, die aber ihre Spuren hinterlassen haben.

FS: Die Bilder „Acheron” zeigen Nass-in-Nass Malerei und der Titel weist auf den Fluss Acheron der griechischen Mythologie hin. Warum gerade dieser Fluss?
TH: Über diesen Fluss werden die Seelen der Toten hinweggesetzt oder sie müssen ihn durchschwimmen. Der Fluss vereint in sich die Funktionen von Grenze, Gebiet und Transportmittel. Er ist Leben und Tod zugleich. Mich fasziniert dieses Sowohl-als-auch. In der Quantenphysik kann z.B. Licht sowohl Wellen- als auch Teilcheneigenschaften zeigen.

FS: Auch die Bilder „Lethe“ referieren auf einen mythologischen Fluss. Was ist das Spannende für dich an diesem Fluss?
Während der Acheron in der ursprünglichen Bedeutung stärker mit Schmerz und Leiden verknüpft wird, geht die Bedeutung des Flusses Lethe eine andere Richtung. In der antiken Mythologie heißt es: Wer aus diesem Fluss trinkt, verliert seine Erinnerung an das vergangene Leben und kann nur so wiedergeboren werden. Der Grundgedanke lässt sich auf vieles übertragen: Um Neues anzufangen, muss man Altes loslassen. Auch jeder Augenblick ist flüchtig, wir vergessen das nur meist.

FS: Was bedeutet für dich der Titel „Murra” und wie spiegelt sich das in dem Bild wider?
TH: „Murra” bedeutet im Lateinischen Myrrhe. Es handelt sich dabei um ein kostbares Harz, das bis heute vielseitige Verwendung findet z.B. in der Medizin oder als destilliertes Öl auch in der Parfümerie. Gemäß der christlichen Tradition haben es die „Drei Weisen aus dem Morgenland” zusammen mit Gold und Weihrauch zu Christi Geburt mitgebracht. Im Alten Ägypten wurde es bereits zur Einbalsamierung der Toten verwendet.
Geburt und Tod sind beides Übergänge, Anfang und Ende, Ende und Anfang sind an einem Punkt quasi deckungsgleich.

FS: Welche Illusion fehlt dir in „No Illusion”?
TH: Keine, es handelt sich auch bei diesem Bild um nichts weiter als Farbe auf Leinwand.

Mit Dank an Franziska Storch, Kunsthistorikerin und Gründerin des SALOON, Hamburg.
Das Interview fand im Januar 2020 statt.